Drei aktuelle Fachbeiträge zeigen ein einheitliches Bild: Das Altersvorsorgedepot trifft auf großes Interesse, aber ebenso großen Beratungsbedarf. Eine Musterrechnung macht den Effekt für eine junge Familie konkret. Und eine Analyse widerspricht der naheliegenden Annahme, dass sich das AV-Depot vor allem für junge Sparer lohnt – teils gilt sogar das Gegenteil.
1. Großes Interesse, aber hoher Beratungsbedarf
Eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Versicherers DEVK unter 2.500 Erwerbstätigen zeigt: 70 Prozent der Bundesbürger wollen sich mit dem neuen Altersvorsorgedepot beschäftigen. Rund ein Drittel plant, sich näher zu informieren, 22 Prozent wünschen eine fachliche Beratung, 16 Prozent können sich schon heute einen Abschluss vorstellen. Besonders ausgeprägt ist das Interesse bei den unter 30-Jährigen: 88 Prozent zeigen sich offen für das neue Förderprodukt.
Trotz digitaler Informationsangebote wünschen sich die Befragten in allen Altersgruppen vor allem eine persönliche Beratung – 74 Prozent halten sie für wichtig oder sehr wichtig, bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 88 Prozent. Unter den ebenfalls befragten Riester-Bestandskunden wünscht sich jeder Dritte zunächst eine Beratung, um zu entscheiden, wie es mit dem laufenden Vertrag weitergehen soll. 18 Prozent planen einen Wechsel ins neue Förderprodukt, 16 Prozent wollen ihren bestehenden Vertrag behalten und zugleich das neue Fördersystem nutzen – eine Kombination, die sich mit der in unserem Beitrag zur Beitragsfreistellung beschriebenen Strategie deckt.
2. Musterrechnung: 30-jähriger Vater mit zweijährigem Kind
Wie sich die Förderung konkret auswirkt, zeigt eine Modellrechnung für einen alleinerziehenden, 30-jährigen Vater mit einem zweijährigen Kind. Er arbeitet in Teilzeit und legt monatlich rund 60 Euro zurück, etwa drei Prozent seines Nettoeinkommens. Nach § 85 Absatz 1 Satz 1 Einkommensteuergesetz in der ab Januar 2027 geltenden Fassung schießt der Staat für jeden geförderten Euro einen weiteren Euro ins Depot – die Kinderzulage fließt dabei nach dem Obhutsprinzip in das Depot des betreuenden Elternteils.
| Kennzahl (Rechenbeispiel, Renteneintritt mit 67) | Altersvorsorgedepot | Normales Depot |
|---|---|---|
| Vermögen zum Renteneintritt | 147.169 € | 84.321 € |
| Monatliche Nettorente zusätzlich zur gesetzlichen Rente | 637 € | 461 € |
Von den 147.169 Euro Endvermögen stammen 16.890 Euro direkt aus staatlichen Zulagen. Der effektive monatliche Eigenaufwand liegt wegen der hohen Förderquote bei nur 13 Euro. Auf den geförderten Jahresbeitrag von 720 Euro kommen 570 Euro Zulage – das entspricht 79 Prozent des Eigenbeitrags. Der Rechnung liegen 6 Prozent Rendite in der Ansparphase, 3 Prozent in der Rentenphase und 0,6 Prozent Kosten pro Jahr zugrunde, deutlich unter dem gesetzlichen Kostendeckel von 1 Prozent für das Standarddepot; eine Inflationsbereinigung erfolgt nicht. Wer die eigene Situation überschlagen möchte, kann das mit unserem Fördervergleichsrechner tun.
3. Nicht nur für Junge: Wann sich das AV-Depot auch für Späteinsteiger lohnt
Die naheliegende Annahme lautet: Wer jung anfängt, profitiert am meisten vom Zinseszinseffekt – das Altersvorsorgedepot lohnt sich also vor allem für junge Sparer. Der Aktuar Robert Bahnsen widerspricht dem. Statt eines Höchstalters für den sinnvollen Einstieg rechnet er mit einem Mindestalter, ab dem sich das Depot im Vergleich zum freien ETF-Sparplan überhaupt erst lohnt.
Der Grund liegt in einer Asymmetrie zwischen Förderung und Kosten. Die staatliche Förderung wirkt als einmaliger Hebel auf jeden eingezahlten Euro, unabhängig von der Restlaufzeit. Der Kostennachteil des geförderten Vertrags gegenüber einem günstigen ETF-Depot summiert sich dagegen mit jedem weiteren Sparjahr neu. Je kürzer die Restlaufzeit, desto stärker schlägt der einmalige Förderhebel in der jährlichen Rendite durch: Bei fünf Jahren Restlaufzeit macht die Förderung rechnerisch rund 5,4 Prozent Rendite pro Jahr aus, bei 45 Jahren nur noch 0,6 Prozent.
| Steuersatz Erwerbs-/Rentenphase | AV-Depot lohnt sich ab (1,0 % Kosten p. a.) |
|---|---|
| Zulagenfall, ohne Kinder, Rentensteuersatz 25 % | ab 47 Jahren |
| 35 % / 35 % | ab 37 Jahren |
| 30 % / 28 % | ab 29 Jahren |
| 42 % / 28 % | in jedem Alter |
Entscheidend ist demnach zuerst der Abstand zwischen dem Steuersatz in der Erwerbsphase und dem in der Rente, erst danach das Geburtsjahr. Bei zehn Prozentpunkten Abstand oder mehr lohnt sich das Depot nach Bahnsens Berechnung praktisch immer. Bei weniger als fünf Punkten Abstand entscheidet vor allem die Restlaufzeit. Die Werte gelten für Produktkosten von 1,0 Prozent, dem gesetzlichen Höchstwert für das Standarddepot – bei günstigeren Tarifen verschiebt sich die Alters- beziehungsweise Kostengrenze deutlich; einzelne Anbieter haben bereits Standarddepots mit Effektivkosten von 0,1 bis 0 Prozent angekündigt.
Was das für Sie bedeutet
Für junge Familien zeigt die Musterrechnung, wie stark die neue Förderung auch kleine monatliche Beiträge hebeln kann. Für ältere Einsteiger widerlegt die Break-even-Analyse die Annahme, das Depot sei nur für Berufsanfänger interessant – oft gilt eher das Gegenteil. In beiden Fällen entscheiden dieselben zwei Stellschrauben: der Abstand zwischen dem eigenen Steuersatz in der Erwerbs- und in der Rentenphase sowie die tatsächlichen Produktkosten des gewählten Depots. Wer beides für die eigene Situation durchrechnen möchte, findet dafür unseren Fördervergleichsrechner sowie den kostenlosen Vorab-Check von MONEY-FACTORY.