Kostenlos klingt gut. Beim Altersvorsorgedepot kann der vermeintliche Nulltarif der Neobroker am Ende trotzdem teurer werden als eine klassische Beratung. Nicht wegen der Gebühren allein, sondern wegen dem, was im Kleingedruckten steht – und wegen typischer Anlegerfehler, die ein Selbstentscheider-Depot nicht abfängt.
Scalable, Smartbroker, Quirion und zuletzt flatexdegiro überbieten sich seit Wochen mit Nulltarif-Angeboten fürs Standarddepot. Den kompletten Marktüberblick aller Anbieter hat AVDEPOT.EXPERT bereits dokumentiert. Der zweite Blick lohnt sich trotzdem: Ein niedriger Werbepreis sagt wenig darüber aus, was ein Sparer am Ende tatsächlich zahlt – und noch weniger darüber, was er am Ende tatsächlich hat.
Diese Fallstricke bleiben im Kleingedruckten
Wer die Angebote der Neobroker genauer liest, stößt auf Bedingungen, die im Marketing selten auftauchen.
- Trade-Kopplung: Smartbroker erstattet die ETF-Kosten seines Standarddepots nach der Startphase dauerhaft nur, wer mindestens 15 Trades pro Jahr im Hauptdepot ausführt. Wer als reiner Vorsorgesparer gar nicht aktiv handeln will, zahlt ab dem vierten Jahr die vollen Produktkosten.
- Begrenztes Anlageuniversum: Beim Standarddepot stehen meist nur wenige vorgegebene Indizes oder Fondsbausteine zur Wahl. Wer breiter streuen oder gezielt umschichten will, braucht häufig ein zusätzliches, kostenpflichtiges Depot.
- Eingeschränkte Handelsplätze: Kostenlose Orders gelten oft nur über einen bestimmten Handelsplatz. Wer über die Börse oder außerhalb der üblichen Handelszeiten kauft, zahlt zusätzliche Spreads und Gebühren.
- Kein persönlicher Support: Fragen zu Förderung, Zulagen oder dem richtigen Zeitpunkt für den Wechsel in die Auszahlungsphase beantwortet in der Regel ein Chatbot oder ein Callcenter – nicht ein Berater, der die individuelle Situation kennt.
- Befristete Gratis-Phasen: Auch die aggressivsten Angebote sind zeitlich begrenzt. flatexdegiro erstattet Produktkosten fünf Jahre lang, danach werden bis zu 0,07 Prozent pro Jahr fällig. Bei Scalable sinken die Kosten nur im ersten Jahr auf null, danach gilt die reguläre Obergrenze von 0,15 Prozent.
- Kosten in der Auszahlungsphase: Die meisten Nulltarif-Angebote beziehen sich auf die Ansparphase. Für die Verrentung oder den Auszahlplan im Ruhestand kalkulieren etliche Anbieter eigene, separate Gebühren.
Einordnung: Keiner dieser Punkte macht ein Neobroker-Depot automatisch zur schlechten Wahl. Sie zeigen aber, dass ein Kostenvergleich, der nur auf den Werbepreis schaut, zu kurz greift.
Der teure Notausgang: Was bei Gebührenerhöhung oder Zertifizierungsverlust gilt
Wenn der Anbieter die Konditionen ändert
Ein Altersvorsorgedepot läuft über Jahrzehnte. Was heute kostenlos ist, kann der Anbieter später anpassen. Einen eigenen Sonderkündigungsparagrafen für diesen Fall kennt das Altersvorsorgedepot-Zertifizierungsgesetz (AltZertG) nicht. Schutzlos sind Sparer deshalb aber nicht: Der Bundesgerichtshof hat 2021 entschieden, dass Banken einseitige AGB-Änderungen nicht per Zustimmungsfiktion durchsetzen dürfen – schweigt der Kunde, gilt das nicht automatisch als Zustimmung (Urteil vom 27. April 2021, Az. XI ZR 26/20). Wer mit einer Gebührenerhöhung nicht einverstanden ist, kann sich zusätzlich auf das allgemeine Kündigungsrecht aus wichtigem Grund berufen (§ 314 BGB). Eine Garantie auf einen kostenfreien Ausstieg ist das nicht – ein praktikabler Hebel aber schon.
Wenn die Zertifizierung entfällt
Verliert ein Produkt seine Zertifizierung, etwa weil der Anbieter gegen den gesetzlichen Kostendeckel oder die zulässigen Risikoklassen verstößt, regelt § 8 AltZertG die Folgen. Der Anbieter muss den Vertragspartner unverzüglich über den Verlust der Zertifizierung unterrichten. Ein automatisches, gebührenfreies Sonderkündigungsrecht sieht das Gesetz an dieser Stelle nicht ausdrücklich vor. Genau hier zeigt sich der Unterschied zur laufenden Beratung: Ein Makler bekommt einen Zertifizierungsentzug in der Regel früh mit und kann reagieren, bevor der Informationsbrief im Briefkasten liegt.
Warum Selbstentscheider beim Neobroker öfter draufzahlen
Die reinen Produktkosten sind nur die halbe Rechnung. Verhaltensökonomische Untersuchungen zeigen seit Jahren, dass unbegleitete Privatanleger systematisch schlechter abschneiden als der Markt, in den sie investiert sind – nicht wegen falscher Produkte, sondern wegen falscher Entscheidungen im Zeitverlauf.
- Die Panik-Verkaufs-Falle: Fällt der Depotwert in einer Krise, verkaufen viele Selbstentscheider genau am Tiefpunkt und verpassen die anschließende Erholung. Ein Berater fängt diese Reaktion im Gespräch ab, eine Neobroker-App tut das nicht.
- Die Vergessens-Falle: Ohne festen Ansprechpartner bleibt die einmal gewählte Anlagestrategie oft über Jahre unverändert, selbst wenn sich Lebenssituation, Einkommen oder Risikobereitschaft längst geändert haben.
- Falsches Risikomanagement: Wer sein Depot selbst zusammenstellt, unterschätzt häufig, wie stark der Aktienanteil kurz vor Rentenbeginn reduziert werden sollte. Bleibt die Aktienquote zu lange zu hoch, trifft ein Kurseinbruch kurz vor der Auszahlungsphase besonders hart.
Einordnung: Diese drei Effekte verschwinden nicht, nur weil die Depotgebühr auf null sinkt. Sie entstehen unabhängig vom Preis – und kosten in der Praxis oft mehr, als die eingesparte Gebühr je wert war.
Fazit: Zwei Wege, eine Entscheidung
Ein Neobroker-Depot ist für kostenbewusste, erfahrene Anleger eine ernstzunehmende Option, vorausgesetzt, sie lesen das Kleingedruckte und bleiben auch in Krisenphasen diszipliniert. Für alle anderen kann eine Beratung ihren Preis wert sein: Sie fängt genau die Fehler ab, die am Ende teurer werden als jede Depotgebühr.
- Der reine Werbepreis sagt wenig über die tatsächlichen Gesamtkosten aus.
- Einen gesetzlich verankerten Notausgang bei Gebührenerhöhung gibt es nicht – wohl aber praktikable Hebel über § 314 BGB und die BGH-Rechtsprechung.
- Bei Zertifizierungsverlust informiert der Anbieter, handeln muss der Sparer selbst.
- Verhaltensbedingte Fehler wiegen über die Laufzeit oft schwerer als die eingesparte Gebühr.
Ob sich eine Beratung im Einzelfall lohnt, hängt von der individuellen Situation ab: von der Erfahrung am Kapitalmarkt, von der eigenen Disziplin in Krisenphasen und davon, wie viel Zeit jemand selbst investieren kann oder will.