Ab 1. Januar 2027 erhalten Selbstständige erstmals direkten Zugang zum staatlich geförderten Altersvorsorgedepot. Für viele war bislang die Basis- beziehungsweise Rürup-Rente das einzige geförderte Vorsorgeprodukt. Macht das neue Depot sie überflüssig – oder braucht es künftig beides?
Warum Selbstständige überhaupt eine eigene Lösung brauchen
Selbstständige sorgen in aller Regel privat für ihr Alter vor, weil sie meist nicht der gesetzlichen Rentenversicherungspflicht unterliegen. Anders als Renten- und Pensionsansprüche von Angestellten und Beamten werden Wertpapiere, Immobilien und Spareinlagen im Insolvenzfall jedoch nicht automatisch geschützt – und beim Bürgergeld-Bezug angerechnet. In der Praxis bedeutet das: Wer als Selbstständiger in wirtschaftliche Not gerät, erhält oft erst dann staatliche Hilfe, wenn große Teile der eigenen Altersvorsorge bereits aufgebraucht sind. Der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) verweist dabei auf die Corona-Jahre: Viele Solo-Selbstständige durften ihrer Tätigkeit damals zeitweise nicht nachgehen, erhielten aber kaum wirksame Corona-Hilfen und wurden stattdessen auf die Grundsicherung verwiesen – die ihnen wegen der Vermögensanrechnung wiederum oft verwehrt blieb. Ein Altersvorsorgedepot mit gesetzlichem Pfändungsschutz, wie er auch für die Basisrente gilt, hätte diesen Teil der Ersparnisse in einem solchen Fall geschützt.
Die Idee eines eigenen Depot-Modells für die private Altersvorsorge verfolgt der VGSD nach eigenen Angaben bereits seit 2012, mit einer Bundestagspetition im Jahr 2020 und seither wiederholten Gesprächen mit der Politik. Auch der damalige Bundesfinanzminister Christian Lindner äußerte sich in dieser Zeit öffentlich kritisch zu den Kosten klassischer Riester- und Rürup-Produkte und ließ eine Fokusgruppe zur privaten Altersvorsorge einrichten. Mit dem inzwischen beschlossenen Altersvorsorgedepot ist daraus ein ab 2027 verfügbares Produkt geworden – im Kern ein Sperrdepot: Anlegerinnen und Anleger können darin frei zwischen ETFs umschichten, etwa um mit zunehmendem Alter Schwankungen zu reduzieren, das Ersparte bleibt aber bis zur Auszahlphase gebunden. Im Gegenzug fördert der Staat diese Form des Sparens steuerlich, ähnlich wie bei Rürup oder Riester.
Verdrängt das Depot die Basisrente?
Für die Basis- beziehungsweise Rürup-Rente, bislang für viele Selbstständige das wichtigste private geförderte Vorsorgeprodukt, entsteht mit dem Altersvorsorgedepot erstmals ernsthafte Konkurrenz. Befragt nach der Tendenz, ob das Depot die Basisrente am Ende verdrängen könnte, fällt die Einschätzung von Versicherern und Maklern in der Fachpresse einheitlich aus: Das Altersvorsorgedepot dürfte die Basisrente nicht ersetzen, sondern ergänzen.
Was für das Altersvorsorge-depot spricht
Anders als die Basisrente erlaubt das Depot eine kapitalmarktnahe Anlage in breit diversifizierte ETFs und verzichtet auf die teure Beitragsgarantie älterer Fördermodelle – das dürfte langfristig höhere Nettoerträge ermöglichen. Hinzu kommt ein psychologischer Aspekt: Wer über Jahrzehnte Vermögen aufbaut, möchte in der Regel nachvollziehen können, wie es investiert ist. Ein transparentes ETF-Portfolio erfüllt diesen Wunsch deutlich besser als viele traditionelle Rentenversicherungen mit komplexen Kostenstrukturen.
Allerdings sind die förderfähigen Beiträge eng begrenzt. Selbst wenn darüber hinaus freiwillige Einzahlungen möglich sind, bleibt der Rahmen insgesamt zu klein, um den Altersvorsorgebedarf typischer Selbstständiger allein abzudecken. Das Depot taugt deshalb eher als sinnvolle Ergänzung denn als vollständige Lösung: Der weitaus größere Teil des langfristigen Vermögensaufbaus dürfte weiterhin in einem normalen, kostengünstigen und global diversifizierten ETF-Depot außerhalb der Förderhülle stattfinden – dort gibt es keine künstlichen Beitragsgrenzen und deutlich mehr Flexibilität, die eigene Anlagestrategie an veränderte Lebensumstände anzupassen.
Was für die Basisrente spricht
Wer keine oder nur geringe Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung oder einem berufsständischen Versorgungswerk hat, braucht aus Sicht vieler Versicherer weiterhin eine verlässliche Basisversorgung. Vier Argumente werden dafür angeführt:
Höheres Fördervolumen: In die Basisrente lassen sich deutlich höhere Beiträge steuerlich wirksam einbringen als ins Altersvorsorgedepot – relevant vor allem für Selbstständige mit gutem oder schwankendem Einkommen, die in wirtschaftlich starken Jahren größere Summen einsetzen und damit ihre Steuerlast senken können. Hinzu kommt: Ältere Basisrenten-Verträge werden nach aktueller Rechtslage erst ab 2058 zu 100 Prozent nachgelagert besteuert, während Leistungen aus dem Altersvorsorgedepot von Beginn an vollständig nachgelagert besteuert werden.
Lebenslanges Einkommen: Die Basisrente zahlt lebenslang und sichert damit ab, worum es in der Altersvorsorge im Kern geht – den Lebensunterhalt unabhängig von der tatsächlichen Lebensdauer zu finanzieren. Die meisten Menschen unterschätzen ihre eigene Lebenserwartung. Das Altersvorsorgedepot sieht neben der lebenslangen Rente zwar auch einen Auszahlplan vor, dieser muss aber nur mindestens bis zum 85. Lebensjahr laufen – das Risiko, länger zu leben, trägt anschließend der Sparer selbst.
Arbeitskraftabsicherung: In eine Basisrente lässt sich das Risiko der Berufsunfähigkeit als Zusatzversicherung einbinden, wodurch der gesamte Beitrag steuerlich als Altersvorsorgeaufwand zählt. Das Altersvorsorgedepot gibt es dagegen nur ohne diesen Baustein.
Renditechancen seit 2005: Kapitalmarktorientierung ist kein Alleinstellungsmerkmal des Depots. Basisrenten können bereits seit ihrer Einführung im Jahr 2005 auch Fondsanlagen enthalten und lassen sich damit ebenfalls chancenorientiert ausgestalten.
Fazit: eine Frage der Kombination, nicht der Entscheidung
Eine tragfähige Altersvorsorge für Selbstständige dürfte deshalb im Idealfall mehrere Bausteine verbinden: ein lebenslanges Einkommen über die Basisrente als verlässliches Fundament, ergänzt um das neue Altersvorsorgedepot für zusätzliche Renditechancen und Transparenz – und für die meisten Selbstständigen zusätzlich ein freies, kostengünstiges ETF-Depot außerhalb jeder Förderhülle, das den größten Teil des langfristigen Vermögensaufbaus trägt und ohne künstliche Beitragsgrenzen auskommt. Für Makler entsteht damit ein neuer, wiederkehrender Beratungsanlass: Selbstständige müssen ihre Altersversorgung weitgehend eigenständig organisieren, und die Zahl der verfügbaren Förderwege wächst.
Einen Überblick über die bislang angekündigten Anbieter und Produktkonzepte fürs Altersvorsorgedepot haben wir im Marktüberblick Altersvorsorgedepot 2027: Diese Anbieter bringen sich jetzt in Stellung zusammengestellt. Wer sich von der aktuellen Vorregistrierungs-Welle einzelner Anbieter nicht unter Druck setzen lassen möchte, findet Hintergründe in unserem Beitrag Altersvorsorgedepot: Trotz vieler Angebote Ruhe bewahren. Die konkrete Rechnung für die eigene Situation liefert der Fördervergleich Basisrente vs. Altersvorsorgedepot.