Die Politik baut die kapitalgedeckte Altersvorsorge konsequent aus, und die Deutschen scheinen bereit dafür. Doch mehr Eigenverantwortung bedeutet auch mehr Raum für Fehler – sieben davon sollten Sparerinnen und Sparer beim Altersvorsorgedepot von Anfang an vermeiden.
Die Politik setzt auf mehr Kapitaldeckung
Mit der beschlossenen Frühstartrente hat die Bundesregierung einen ersten großen Schritt für die kapitalgedeckte Altersvorsorge gemacht. Mit der geplanten Kapitalrente und dem Altersvorsorgedepot sollen weitere Bausteine folgen. Die Richtung ist erkennbar: mehr Kapitaldeckung, während das umlagefinanzierte System demografisch zunehmend unter Druck gerät – und eine stärkere Beteiligung der Sparerinnen und Sparer an den Erträgen des Kapitalmarkts.
Wie aufgeschlossen die Deutschen dafür tatsächlich sind, zeigt eine repräsentative Umfrage von Allianz Global Investors und dem Deutschen Institut für Vermögensbildung und Alterssicherung (DIVA) unter rund 2.000 Berufstätigen zwischen 18 und 65 Jahren. Nur etwa 7 Prozent der Befragten wollen demnach vollständig bei der gesetzlichen Rente bleiben. Der überwiegende Rest wäre grundsätzlich bereit, einen Teil der Pflichtbeiträge zur Rentenversicherung stattdessen in eine private, kapitalgedeckte Vorsorge umzuleiten – zum Teil in beträchtlichem Umfang.
Die Offenheit hat einen nachvollziehbaren Grund: 35 Prozent der Befragten schätzen sich finanziell nur als „mittelmäßig" auf den Ruhestand vorbereitet ein, 40 Prozent gar nicht. Entsprechend gaben 75 Prozent an, Angst vor Altersarmut zu haben.
Wie groß der Effekt sein könnte, lässt sich überschlägig beziffern: Unter konservativen Annahmen – ein durchschnittliches Lohnwachstum von 2,5 Prozent pro Jahr, eine durchschnittliche Rendite von 5 Prozent jährlich auf das investierte Kapital und unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung – könnten Frühstartrente, Kapitalrente und Altersvorsorgedepot über die kommenden 30 Jahre zusammen rund 6,5 Billionen Euro an Kapital aufbauen, die dann für Auszahlungen zur Verfügung stünden. Zum Vergleich: Das entspräche etwa 45 Prozent der Marktkapitalisierung, die der DAX über denselben Zeitraum bei einer unterstellten Rendite von 7 Prozent pro Jahr erreichen könnte.
Für alle, denen die Reform zu langsam vorangeht, gilt dabei eine einfache Regel: Nichts spricht dagegen, schon heute mit einem eigenen Sparplan zu beginnen. Der richtige Zeitpunkt zum Einstieg ist grundsätzlich immer jetzt.
Sieben Fehler, die Sparer von Anfang an vermeiden sollten
Zum 1. Januar 2027 löst das Altersvorsorgedepot die Riester-Rente ab. Der Bundestag hatte die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge im März 2026 beschlossen, der Bundesrat stimmte im Mai zu. Statt in Garantieprodukte investieren Sparerinnen und Sparer künftig in Fonds und ETFs, der Staat schießt Zulagen zu, und die Erträge wachsen in der Ansparphase steuerfrei. Genau diese neue Freiheit verlangt aber auch mehr Eigenverantwortung – und eröffnet mehr Raum für Fehler, vor denen Verbraucherschützer und Finanzexperten warnen. Viele davon kamen schon bei der Riester-Rente reihenweise vor.
1. Die Kosten unterschätzen
Die ersten Neobroker liefern sich bereits einen Preiskampf um Depot- und Ordergebühren – „null Euro" meint dabei aber nur die Depotführung. Die laufenden Kosten der enthaltenen ETFs bleiben, bei einfachen Standarddepots meist im niedrigen Zehntel-Prozentbereich pro Jahr. Teurer wird es bei frei gestalteten Premium- und Versicherungsprodukten, für die Verbraucherzentralen häufig 1,5 bis 2,5 Prozent jährlich nennen. Der gesetzliche Kostendeckel von 1,0 Prozent schützt davor nicht, denn er gilt nur für das staatlich definierte Standardprodukt. Über eine ganze Sparerkarriere macht dieser Unterschied enorm viel aus: Bei 100 Euro monatlichem Beitrag über 30 Jahre (36.000 Euro Eigenbeitrag) und einer angenommenen Fondsrendite von 6 Prozent vor Kosten stehen bei 0,2 Prozent Kosten rund 97.000 Euro am Ende, bei 2,0 Prozent Kosten dagegen nur rund 69.000 Euro – eine Differenz von etwa 27.000 Euro allein durch die Kostenquote. Wichtig ist zudem: Die Kosten laufen über den Rentenbeginn hinaus weiter, beim Auszahlplan ebenso wie – versteckt im Rentenfaktor – bei der lebenslangen Rente. Ein Vorteil des neuen Systems: Zu Rentenbeginn lässt sich der Anbieter wechseln, die Auszahlkosten können dann separat verglichen werden.
2. Sich in einen teuren Vertrag drängen lassen
Der Vertriebsweg entscheidet wesentlich mit. Verbraucherzentralen rechnen ab 2027 mit einer bislang beispiellosen Verkaufswelle. Wo Provisionen locken, empfiehlt der Vermittler nicht zwangsläufig das, was für den Kunden am besten ist – und auch vermeintlich neutrale Vergleichsportale verdienen häufig am Abschluss mit. Wer sich nicht unter Zeitdruck setzen lässt, kann das staatliche Standardprodukt online und ohne Provision abschließen. Wer Beratung sucht, findet sie bei einem Honorarberater, der am Rat verdient statt am Verkauf.
3. Zulagen nicht ausschöpfen
Die Förderung ist gestaffelt: Auf die ersten 360 Euro Eigenbeitrag im Jahr legt der Staat 50 Cent je Euro drauf, das ergibt 180 Euro Grundzulage. Für jeden weiteren Euro bis 1.800 Euro kommen 25 Cent hinzu – in der Spitze macht das 540 Euro Förderung im Jahr. Dazu kommen 300 Euro Kinderzulage je Kind und ein einmaliger Berufseinsteigerbonus von 200 Euro für alle unter 25 Jahren. Wer zu wenig einzahlt, bekommt die Zulagen nur anteilig; für die volle Förderung sind 1.800 Euro Jahresbeitrag nötig, für eine anteilige Zulage mindestens 120 Euro im Jahr. Eine Formalie entscheidet zusätzlich mit: Ohne separaten Zulagenantrag fließt kein Cent. Eltern, die den Kinderbonus nicht beantragen, verschenken bis zu 300 Euro pro Kind und Jahr.
4. Zu vorsichtig anlegen
„Ohne Garantie" klingt nach Risiko, viele greifen deshalb reflexhaft zum vermeintlich sicheren Garantieprodukt. Genau darin sehen Experten bei einem jahrzehntelangen Sparvertrag jedoch die größere Gefahr: Wer 30 Jahre lang auf breit gestreute Aktienfonds verzichtet, verzichtet auch auf Rendite – bei Riester bekamen Garantiesparer real teils weniger heraus, als sie eingezahlt hatten. Umgekehrt trifft ein Kurseinbruch kurz vor Rentenbeginn besonders hart. Maßgeblich ist der Anlagehorizont: Wer die Rente noch weit vor sich hat, kann chancenorientierter investieren, wer kurz davor steht, sollte das Kapital schrittweise in sicherere Anlagen umschichten – ein Blick in die Vertragsbedingungen zeigt, nach welcher Logik der jeweilige Anbieter das automatisch erledigt. Das gilt über den Rentenbeginn hinaus: Beim befristeten Auszahlplan bleibt das Restkapital investiert, ein Einbruch trifft also auch während der Entnahmephase. Bei der Auszahlform selbst gilt: Der Auszahlplan reicht nur bis mindestens 85 Jahre, danach lebt man allein von der gesetzlichen Rente. Die lebenslange Leibrente zahlt dafür niedriger, aber bis zum Lebensende – eine Teilverrentung kann beides kombinieren.
5. Die Förderung mit der Rendite verwechseln
Zulagen und Steuervorteil wirken im Werbeprospekt üppig – das ist allerdings eine Bruttorechnung. In der Auszahlphase besteuert der Fiskus geförderte Beiträge, Zulagen und Erträge voll mit dem persönlichen Steuersatz. Bei freiwillig gesetzlich Versicherten zieht zusätzlich die Kranken- und Pflegeversicherung bis zu rund 20 Prozent der Auszahlung ab – Pflichtversicherte in der Rente zahlen darauf nichts. Ob sich die Rechnung am Ende lohnt, hängt vom Einzelfall ab, da der Steuersatz im Ruhestand meist niedriger ausfällt als im Berufsleben. Wichtig bleibt: staatliche Förderung nicht mit Nettorendite verwechseln – und Zulagen sowie Steuererstattung wieder anlegen, statt sie liegen zu lassen.
6. In Geldnot förderschädlich kündigen
Wird das Geld knapp, liegt eine Kündigung nahe – teuer werden kann sie trotzdem. Wer förderschädlich kündigt, zahlt in der Regel die erhaltenen Zulagen und Steuervorteile zurück, der Fördereffekt löst sich rückwirkend auf. Bei Riester wurde das zum Massenphänomen: Millionen Sparer stellten ihre Verträge still oder kündigten sie ganz. Die von Verbraucherschützern empfohlene Alternative: den Vertrag beitragsfrei stellen statt zu kündigen. Dann bleibt das Ersparte investiert, und die Förderung geht nicht verloren.
7. Den alten Riester-Vertrag vorschnell umtauschen
Bestehende Riester-Verträge laufen mit ihrer Förderung unverändert weiter. Den Wechsel ins Altersvorsorgedepot entscheiden Sparer selbst – und meist unwiderruflich. Ist das Kapital erst einmal ins neue Depot gewandert, führt kein Weg zurück in die alte Förderung, und die Beitragsgarantie des Riester-Vertrags verfällt. Mitunter kommen zusätzlich Wechselgebühren hinzu. Ob sich der Umzug lohnt, entscheiden Alter, die Kosten des Altvertrags und dessen Garantiehöhe – Fachleute empfehlen, den Wechsel vorab durchzurechnen oder durchrechnen zu lassen.
Die politische Richtung und die sieben Fehler gehören zusammen: Der Staat baut die kapitalgedeckte Vorsorge gezielt aus, weil das Umlageverfahren demografisch an Grenzen stößt und die Bereitschaft der Sparer da ist. Damit daraus am Ende tatsächlich mehr Rente wird und nicht mehr Enttäuschung, entscheidet die Sorgfalt beim Einstieg – Kosten, Zulagen, Anlagestrategie und die Frage, ob und wann sich ein Riester-Wechsel überhaupt lohnt. Wer sich dabei zusätzlich von Vorregistrierungs-Aktionen einzelner Anbieter unter Druck setzen lässt, sollte auch unseren Beitrag Altersvorsorgedepot: Trotz vieler Angebote Ruhe bewahren lesen. Wer wissen will, welche Anbieter und Produktkonzepte für 2027 bereits feststehen, findet sie im Marktüberblick Altersvorsorgedepot 2027: Diese Anbieter bringen sich jetzt in Stellung.