Die Frühstartrente soll junge Menschen künftig automatisch an den Kapitalmarkt heranführen. Fünf Finanzökonominnen halten die Ausgestaltung der Standardanlage für entscheidend. Zwei aktuelle Studien liefern dafür starke Argumente: Deutsche Sparer verschenken laut einer Untersuchung rechnerisch hunderte Milliarden Euro an Vermögenszuwachs – und ausgerechnet die junge Generation, die davon am meisten profitieren könnte, verliert zugleich das Vertrauen in die gesetzliche Rente.

Kabinettsbeschluss: Die Frühstartrente nimmt Formen an

Das Bundeskabinett hat die Frühstartrente am 12. August 2026 beschlossen. Die Initiative soll jungen Menschen einen frühen Zugang zum Kapitalmarkt ermöglichen und sie beim Aufbau von Altersvorsorgekapital unterstützen. Auch Kinder, deren Eltern keinen individuellen Vertrag abschließen, sollen über eine kollektive Anlage automatisch einbezogen werden.

Nach den Plänen der Bundesregierung soll das Gesetzgebungsverfahren bis November 2026 abgeschlossen sein, damit die Frühstartrente wie geplant zum 1. Januar 2027 startet – zeitgleich mit dem Altersvorsorgedepot für Erwachsene.

Ökonominnen: Die Standardanlage entscheidet über Jahrzehnte

Wie diese automatische Standardanlage ausgestaltet wird, ist nach Einschätzung von fünf Finanzökonominnen entscheidend für den Erfolg des Vorhabens. In einem White Paper des Forschungsinstituts SAFE empfehlen sie, das Kapital vollständig in Aktien anzulegen und dabei einer passiven, breit gestreuten und regelgebundenen Strategie zu folgen. Verfasst haben das Papier Tabea Bucher-Koenen (ZEW Mannheim und Universität Mannheim), Christine Laudenbach (Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE), Ulrike Malmendier (University of California, Berkeley, und SAFE), Claudia Schaffranka (SAFE) sowie Milena Schwarz vom Sachverständigenrat Wirtschaft.

Die Autorinnen begründen ihre Empfehlung mit zwei Beobachtungen aus der Forschung: Menschen lernen aus eigenen Erfahrungen am Kapitalmarkt, und diese Erfahrungen prägen ihr späteres Anlageverhalten. In Deutschland habe bislang ein einfacher Zugang zu breit diversifizierten Aktienanlagen gefehlt. Hinzu komme die verbreitete Annahme, für die Geldanlage umfangreiches Finanzwissen zu benötigen – eine wahrgenommene Komplexität, die viele Menschen vom Einstieg abhalte. Die automatische Einbindung aller Familien über die Frühstartrente könne deshalb breite Bevölkerungsschichten erreichen, die sonst kaum mit dem Investieren in Berührung kämen.

Als Vorbild dient den Autorinnen das schwedische Vorsorgesystem: Dort habe sich gezeigt, dass die Ausgestaltung der Standardlösung das Anlageverhalten der großen Mehrheit über Jahrzehnte prägt. Für ein transparentes und stabiles System fordern sie deshalb eine klare Trennung zwischen politischen Vorgaben und operativer Umsetzung, ein professionelles Management sowie eine unabhängige Aufsicht durch Kapitalmarktexperten.

Einordnung: Historisch haben Aktien nach gängigen Berechnungen reale Renditen von rund sieben Prozent pro Jahr erzielt und damit deutlich höhere Erträge als Anleihen – über einen langen Anlagezeitraum können sich solche Unterschiede erheblich auf das verfügbare Kapital im Ruhestand auswirken. Eine passive, regelgebundene Strategie soll dabei die Kosten begrenzen und zugleich verhindern, dass kurzfristige Anlageentscheidungen oder politische Einflussnahme die Rendite schmälern. Als etablierter Standard gilt eine Gewichtung der Aktien nach Marktkapitalisierung; eine Gewichtung nach Wirtschaftsleistung der Länder könnte die Konzentration auf einzelne Staaten und Unternehmen zusätzlich verringern.

843 Milliarden Euro: Was Zurückhaltung an der Börse kostet

Wie teuer eine verpasste Aktienanlage rechnerisch werden kann, zeigt eine aktuelle Studie von J.P. Morgan Asset Management. Für die paneuropäische Untersuchung „Vom Sparen zum Anlegen: Die Chance für Europa" wurden in der zweiten Julihälfte 2026 rund 17.000 Menschen zwischen 18 und 65 Jahren in neun europäischen Ländern befragt, davon 2.000 in Deutschland.

Seit Beginn der Pandemie haben deutsche Privathaushalte demnach zusätzlich 906 Milliarden Euro in Sparanlagen wie Tages- und Festgeld angelegt. Wäre diese Summe stattdessen in Aktien aus Industrieländern investiert worden, hätte sie sich auf Basis der tatsächlichen Wertentwicklung im betrachteten Zeitraum rechnerisch auf rund 1,8 Billionen Euro erhöht. Durch die Verzinsung der Sparanlagen wuchs der Betrag dagegen lediglich auf rund 987 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich ein rechnerisch entgangener Vermögenszuwachs von rund 843 Milliarden Euro. Die Modellrechnung stellt dabei ausdrücklich keine tatsächlich erzielbare Wertentwicklung oder Anlageempfehlung dar.

Europaweit fällt das Bild ähnlich aus: Seit Beginn der Pandemie haben Europas Haushalte rund 2,8 Billionen Euro zurückgelegt. Bei einer Investition in globale Aktien hätte sich der Wert im selben Zeitraum rechnerisch auf etwa 5,4 Billionen Euro erhöht – eine Differenz von rund 2,4 Billionen Euro. Christoph Bergweiler, Leiter des kontinentaleuropäischen Fondsgeschäfts bei J.P. Morgan Asset Management, bringt das Ergebnis auf einen Nenner: Deutschland habe kein Sparproblem, sondern ein Investmentproblem.

Einordnung: Die Studie zeigt zugleich, woran die Umsetzung hakt. Zwar setzen die Deutschen bei der Altersvorsorge stärker auf Eigeninitiative als andere Europäer: 47 Prozent erwarten, im Ruhestand vor allem auf private Vorsorge angewiesen zu sein, gegenüber rund 30 Prozent im europäischen Durchschnitt. Auch die Zuversicht ist hoch – mehr als 60 Prozent der Befragten in Deutschland sind zuversichtlich oder sehr zuversichtlich, ihren gewünschten Lebensstandard im Ruhestand finanzieren zu können. Einen klaren Plan verfolgen aber nur 31 Prozent, ein knappes weiteres Drittel hat immerhin begonnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Als Hauptgrund für die Zurückhaltung an der Börse nennen 36 Prozent der Befragten ohne Aktienanlage Verlustängste, weitere 23 Prozent wissen schlicht nicht, wie sie investieren sollen. Nach Einschätzung von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, konzentrieren sich viele Sparer dabei zu stark auf kurzfristige Schwankungen und unterschätzen langfristig das Risiko, gar nicht investiert zu sein. Bei Finanzentscheidungen bleibt die eigene Bank für 41 Prozent der Deutschen wichtigste Informationsquelle, gefolgt von Freunden und Verwandten mit rund 28 Prozent; künstliche Intelligenz wie ChatGPT nutzt bereits rund jeder Fünfte.

Gen Z: Wachsendes Misstrauen, wachsende Offenheit

Dass gerade jüngere Menschen von einer automatischen Heranführung an den Kapitalmarkt profitieren könnten, unterstreicht eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag von ING Deutschland und Visa unter 1.000 Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. Das Vertrauen der Generation Z in die gesetzliche Rente nimmt demnach weiter ab: Nur noch 49 Prozent der Befragten erwarten im Alter entsprechende Leistungen zu erhalten, nach 56 Prozent im Vorjahr. Vier von fünf Befragten sorgen sich um ihre Altersvorsorge, lediglich fünf Prozent glauben, dass die gesetzliche Rente ausreichen wird, um ihren Lebensstandard zu halten.

Auf diese Entwicklung reagiert ein wachsender Teil der jungen Generation bereits heute: 53 Prozent der jungen Erwachsenen sparen der Umfrage zufolge schon für die Altersvorsorge. Auf Zustimmung stößt zudem das ab 2027 geplante Altersvorsorgedepot: 65 Prozent der Befragten bewerten das Konzept als attraktiv. Bei der Bekanntheit zeigt sich allerdings ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern – während 66 Prozent der jungen Männer das Altersvorsorgedepot kennen, ist es unter jungen Frauen nur jede Zweite.

Wie stark junge Menschen ihr Vorsorgeverhalten in den vergangenen Jahren bereits verändert haben, zeigt eine ergänzende Auswertung anonymisierter Daten von rund 1,1 Millionen ING-Kundinnen und -Kunden. 47 Prozent der jungen Depotkundschaft nutzen demnach regelmäßig einen Wertpapiersparplan und investieren im Durchschnitt monatlich rund 365 Euro, nach 351 Euro im Vorjahr. 90 Prozent der Sparplanbeiträge fließen dabei in börsengehandelte Indexfonds; 49 Prozent der jungen Kundschaft halten ausschließlich breit gestreute ETFs wie den MSCI World oder den FTSE All-World. Das durchschnittliche Depotvolumen stieg innerhalb eines Jahres von 14.600 auf 17.800 Euro.

Einordnung: ING-Vorstandsvorsitzender Lars Stoy bringt die zentrale Herausforderung auf den Punkt: Private Altersvorsorge werde nur erfolgreich sein, wenn Menschen tatsächlich ins Handeln kommen – dafür brauche es einfache, verständliche und kostengünstige Angebote. Genau an diesem Punkt setzen sowohl die Frühstartrente für Kinder als auch das Altersvorsorgedepot für Erwachsene an: Beide sollen den Einstieg in die Kapitalmarktanlage erleichtern, ohne dass komplexes Finanzwissen vorausgesetzt wird. Bei den Sparzielen der jungen ING-Kundschaft steht die Notfallrücklage mit 64 Prozent weiterhin an erster Stelle, gefolgt von finanzieller Unabhängigkeit mit 54 Prozent und der Altersvorsorge mit 53 Prozent. Für den Erwerb einer Immobilie sparen aktuell 30 Prozent, nach 40 Prozent im Vorjahr – ein Hinweis darauf, dass sich Prioritäten innerhalb der jungen Generation verschieben.

Was Frühstartrente und Altersvorsorgedepot gemeinsam haben

Die drei Entwicklungen ergeben zusammengenommen ein stimmiges Bild: Das Vertrauen in die gesetzliche Rente sinkt gerade bei jungen Menschen weiter, während private Kapitalmarktanlage rechnerisch erhebliche zusätzliche Erträge ermöglichen könnte. Sowohl die Frühstartrente für Kinder als auch das ab 2027 startende Altersvorsorgedepot für Erwachsene setzen an genau dieser Stelle an, indem sie den Zugang zum Kapitalmarkt erleichtern sollen – automatisch bei der Frühstartrente, freiwillig, aber staatlich gefördert beim Altersvorsorgedepot.

Für beide Modelle gilt nach Einschätzung der SAFE-Ökonominnen dieselbe Grundregel: Nicht die Werbebotschaft eines Anbieters entscheidet über den langfristigen Erfolg, sondern die konkrete Ausgestaltung der Standardanlage – Aktienquote, Kostenstruktur, Streuung und die Frage, wer die Umsetzung operativ verantwortet.

Förderung selbst durchrechnen Wie sich Eigenbeitrag, staatliche Zulagen und Kosten über die gesamte Ansparphase auf das Endkapital auswirken, lässt sich im Fördervergleichsrechner Riester vs. Altersvorsorgedepot mit eigenen Annahmen nachvollziehen.

Fazit: Der Rahmen steht, jetzt zählt die Umsetzung

Bis zum geplanten Start am 1. Januar 2027 bleiben mehrere Monate, in denen sich die Ausgestaltung von Frühstartrente und Altersvorsorgedepot noch konkretisieren kann. Drei Entwicklungen zeichnen sich schon jetzt ab:

  • Fünf Finanzökonominnen empfehlen für die Frühstartrente eine vollständige, passive und regelgebundene Aktienanlage nach schwedischem Vorbild.
  • Deutsche Sparer verschenken laut einer Modellrechnung von J.P. Morgan Asset Management rechnerisch 843 Milliarden Euro an Vermögenszuwachs, weil sie Erspartes überwiegend auf Konten statt am Kapitalmarkt anlegen.
  • Die junge Generation verliert zunehmend das Vertrauen in die gesetzliche Rente, zeigt sich aber gegenüber dem Altersvorsorgedepot und regelmäßigem ETF-Sparen bereits deutlich aufgeschlossen.

Für Eltern wie für künftige Sparer im Altersvorsorgedepot gilt deshalb: Wer sich frühzeitig mit der konkreten Ausgestaltung der jeweiligen Standardanlage befasst, kann von den beschriebenen Effekten profitieren – unabhängig davon, ob am Ende Kinder über die Frühstartrente oder Erwachsene über das Altersvorsorgedepot investieren.